einst kam es vor, dass die seele einfach auf reisen ging. sie lebte noch nicht in diesem starren korsett, in das sie mittlerweile gezwängt worden war. statt dessen war sie in luftige seide gehüllt, die sie ausbreiten konnte wie flügel, und auf der sie sich dorthin tragen ließ, wohin der wind gerade wehte.
manchmal machte sie gar seltsame entdeckungen. so kam sie beispielsweise an einen ort, an dem die zeit still stand. sie spazierte umher und konnte alles in aller ruhe betrachten. sie machte sich einen spaß daraus, manche figuren ein bisschen zu verrücken. stellte die bäckersfrau auf den kirchplatz und statt dessen den clochard in die warme backstube. zog die mundwinkel des dorflehrers nach oben und schrieb dem schüler eine eins ins heft. schön war das. so konnte sie sich alles etwas schöner denken. und es musste nicht beim denken bleiben, sie konnte es auch direkt umsetzen. unwillkürlich musste sie lächeln, als sie an den lehrer dachte. er konnte dem schüler die zukunft nicht mehr verbauen. jetzt brauchte sie nur noch den wind in die richtige richtung lenken, so dass er das zeitrad wieder antrieb. und sie selbst konnte sich weiter auf die reise machen.
ein andermal landete sie vor einem tunnel. neugierig kam sie näher, bis sie einen starken sog bemerkte. sie hielt sich an einem baum fest und sah, dass vieles in den tunnel hineingerissen wurde. da wirbelten ängste, schreie, dunkle gedanken, aber auch lustige lieder und verrückte ideen durcheinander, und alle wurden letztlich in den tunnel gezogen. zu gerne hätte sie erfahren, was im inneren passierte. aber aus rücksicht auf ihre zarten seidenflügel ging sie nicht näher an die öffnung. sie versuchte vielmehr, den tunnel zu überfliegen, in der hoffnung, irgendwo auf den ausgang zu stoßen. nach langer suche entdeckte sie tatsächlich etwas. aus einer kleinen öffnung lief ein förderband, und auf ihm verließen flaschen in den unterschiedlichsten formen und größen den berg. immer wieder kamen menschen an das förderband, nahmen sich eine flasche und tranken sie aus. und da erkannte sie, dass in jeder von ihr eine andere mischung all dessen war, was der sog in den tunnel gezogen hatte. so sind wahnsinn und glück oft nur einen schluck voneinander entfernt, dachte sie, bevor sie weiterflog.
sie flog und flog, bis sie an den gezeitenstrom kam. nachdem sie ihn überquert hatte, stellte sie fest, dass sie in der vergangenheit angelangt war. alles lief rückwärts, und es lag ein raunen in der luft, das sie nach langem hinhören als “wenn ich doch damals…” und als “hätte ich nicht…” entzifferte. das bedauern lag in der luft wie schwerer nebel, und es benetzte ihre seidenen flügel, die sie immer weiter auf den boden der tatsachen zogen. nur noch einen flügelschlag vom abgrund entfernt schaffte sie es, sich nochmal aufzurappeln und all diese belastenden gedanken abzuschütteln.
so flog sie weiter und der sonne entgegen, um die trüben gedanken zu vertreiben und die flügel zu trocknen. und fand langsam ihre leichtigkeit wieder. sie flog über blühende wiesen und plätschernde bäche, tanzte mit den vögeln und kicherte, wenn sie ein sonnenstrahl kitzelte. nie wieder wollte sie in die niederungen zurückkehren, die jenseits des gezeitenstroms lagen. sie flog und wurde immer unbekümmerter, immer übermütiger, flog mit geschlossenen augen, drehte pirouetten und achtete nicht mehr auf den weg. nichts konnte sie bremsen. bis sie in einem spinnennetz landete. und die zeit ihre fäden immer fester um sie schnürte. anfangs zappelte sie noch, aber sie verstrickte sich immer mehr. und letztlich fügte sie sich. sie lernte, es in dem korsett auszuhalten, das aus den fäden geworden war. aber tief in ihrem inneren keimte das wissen, dass sie langsam daran ersticken würde, wenn sie nicht alle kraft zusammennähme, um die grenzen der zeit zu sprengen.
(inspiriert durch märchenfrau’s halben satz
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