zwischenakt – kunst- und farbbetrachtung

ich habe über farben nachgedacht. und mich dabei wieder an einen text erinnert, der mich bei einer ausstellung von rupprecht geiger im münchner lenbachhaus (das nun bis 2012 wegen umbauarbeiten geschlossen ist, wie ich gerade festgestellt habe. wie gut, dass ich mir letztes jahr erst nochmal die beeindruckende sammlung des „blauen reiters“ angesehen habe…) faszinierte. ebensosehr, wie der maler selbst bzw. seine kunst. die sehr abstrakt ist. und auf den ersten blick vielleicht in die kategorie „das kann doch jeder! warum ist das kunst?“ (ja, der gedanke kommt mir auch öfter…) fällt. aber eben nur auf den ersten blick. denn wer sich die zeit nimmt und eine weile den bildern gegenüber steht und sie auf sich wirken lässt, der kann sich dem bann ihrer farben nicht mehr entziehen. sie haben ein leuchten, das fast schon überirdisch ist. und die augen blendet. fast so, als würde man in die sonne sehen…

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wer hat angst vor „schwärze“? wer hätte der schwärze nicht und fürchete sich ihrer trotzdem (auch nicht)! überzeugt: am anfang war alles schwarz. zuvor allerdings war grau (übereinstimmend mit paul klee’s chaos). schwarz ist verdichtetes grau. grau dichtet gern schwarz zusammen. ausdehnungsmässig jedoch reicht grau weiter, wie ein überall-nebel (seltsam im nebel zu wandern!), wie ein wucherndes demokratieverständnis. schwarz ist vornehm und deshalb stets an einem ort. jedermann weiss genau, sehr genau wo schwarz ist, schwarz an ihm, an ihr, an deinem nächsten. und doch betrügt schwarz mehr als jede andere farbe. denn es gibt gar kein schwarz. schwarz ist immer nur das gegenteil von. ist immer dunkelheit, dunkel-sein. wo kommen nur all die vielen mammuts her? sie kommen aus dem bunt, ohne schwarz kein warm. schwarz ist immer eins. von da an beginnt das zählen. am anfang war wirklich das schwarze meer. zuvor allerdings das graue meer und die graue stadt am grauen meer und in der ferne ein lichtstreif. rupprecht geiger hat den wohl als erster gesehen. und er war waagrecht und siehe: es war ein guter streifen. erkenntnis schreibt sich weiss auf schwarz.

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rot ist auf alle fälle nicht blau. aber rot ist der eingang zu schwarz. erkenntnis schreibt sich weiss auf schwarz, doch der name der erkenntnis ist rot, das innerste rot nennt sich glut und reimt – wie bekannt – auf wut und mut und blut, aber auch: es tut gut. (j’adore ce qui me brûle.) rot kommt jedoch nicht nur von innen, denn auch die luft (woher kommt die luft?) kennt rot, ist dann aber ein schlechtwetterzeichen, röte ist halt nur da, wo auch materie ist. die chance, rot zu werden, das sieht rupprecht geiger richtig: man muss rot differenzieren, mehr als jede andere farbe. rot ist in sich gegensätzlich. die roten parteien splittern sich noch mehr auf als die „rechten“. rot muss man akzeptieren. „at ruber, hortorum decus et tutela, priapus“ dichtet ovid im januarbuch seiner fasten. rundum lippenstift. da wo sich  das innere rot mit dem äusseren rot trifft, da ist das rosenblatt, da schreitet der flamingo – bekanntlich – ins imaginäre. rein und rot wie wein und brot. denken wir doch einmal an die mysterien: indem der mensch sich  nach katharsis sehnt, ergreift er, was sich ihm als sühnopfer stellvertretend für sein eigenes beflecktes leben anbietet. ohne rot undenkbar. ganz oben wird schon gelb vermutet.

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es gibt eben auch blaue geheimnisse in der welt. noch ruhen die mammuts als schwarzer block in der tiefe, umschlossen von den träumen der urzeit. damals sollte alles, alles anders werden. ein weit im süden der alten inselflur liegendes grosses eiland. es sollte das natürlichste verfahren bleiben, blauäugige fische mit der blassen hand zu greifen. am grund ist alle bläue schwarz. und doch betrügt schwarz mehr als jede andere farbe. blau indessen lässt sich nicht betrügen. es enthält schwarz. blau kommt nie aus blau heraus. orange liegt fern. gewiss, es gibt auch das blaueste blau. doch ist am schluss wieder alles einfach blau. blau wird zurückgelassen, bleibt aber unvergessen. blau: all-ein-sein.

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4 Antworten zu zwischenakt – kunst- und farbbetrachtung

  1. Michael schreibt:

    Super!
    Warum nur hat das niemand vor mir so kommentiert?

    LG Michael

    • sunny11178 schreibt:

      Ich glaube, es hat einfach niemand gelesen. Irgendwie verschwinden meine langen Texte leider immer in der Versenkung. Zu anstrengend? Keine Ahnung. Oder es passte einfach nicht zu der kurz-und-knapp-Sunny von damals… Ich jedenfalls habs gelesen und war begeistert. Und hätte mich gefreut, diese Begeisterung (mit)teilen zu können. Immerhin bei einem ist es mir mittlerweile gelungen 🙂

      LG Sunny

      • Michael schreibt:

        Weißt Du was?
        Ich glaube, Du hast Recht!
        Es gibt Dinge, die werden einfach nicht gelesen.
        Weil alle kurze und knappe Artikel lesen wollen.

        Du meinst, das wäre jetzt zu pauschal?
        Es wären nicht alle Leser dieses Blog Banausen?
        Könnte natürlich auch sein, deshalb schreib ich das lieber als Kommentar hier in Deinem Blog als in meinem eigenen. 😉

        • sunny11178 schreibt:

          Danke, das ist lieb 🙂
          Vielleicht liegts auch daran, wie man seine Leser „erzieht“. Ich hab halt mit kurz und knapp angefangen, da wollen sie vielleicht nichts anderes. Denn sobalds mehr war, hats keiner mehr angeklickt geschweige denn kommentiert. Ich möchte aber nicht auf das eine reduziert werden, auch nicht auf Fotos. DAS gehört genauso zu mir, denn das ist es, was mich interessiert, mich beschäftigt. Schade, dass Artikel in dieser Länge aber eben nur bei anderen gelesen werden… Selbst über den Link bei dir kamst nur du…
          Daher umso mehr Dank an dich 🙂

          Alles Liebe,
          Sunny

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